Becoming EU-ropean: Europa Zentrum on Tour!
...oder auch: Ein Teddy in Tuzla (und anderswo)
Neuigkeiten aus dem Projekt Becoming EU-ropean: Vom 02. bis einschließlich 10.06. hatte das EZBW die große Freude und Ehre, Bosnien und Herzegowina, Serbien und Kroatien zu bereisen, in den Dialog mit lokalen Akteuren zu treten und selbst Impulse zur EU-Erweiterung zu setzen. Mit im Gepäck: jede Menge Neugier, spannende Gespräche, ein Teddy (mehr dazu auf unserem Instagram-Account) und die Erkenntnis, dass Europa oft näher ist, als man denkt.
Die Reise - organisiert, koordiniert und durchgeführt von Lana Mayer und Axel Müller - stellte den Höhepunkt des modular strukturierten und von der Baden-Württemberg Stiftung finanzierten Projekts "Becoming EU-ropean" dar. Nachdem in Modul 1 zu Jahresbeginn drei Webinare zur EU-Erweiterung aus verschiedenen Perspektiven stattfanden (nähere Infos hier), wurden nun im direkten Austausch vor Ort Erkenntnisse und Perspektiven vertieft. Dabei wurden Belange wie soziale Teilhabe und Gender Equality beleuchtet, Netzwerke gebildet und verstärkt und sehr viel reflektiert. Kurzum: Es wurde gelernt, gelacht, (konstruktiv) gestritten und die europäische Idee einmal kräftig auf Praxistauglichkeit getestet. Aber der Reihe nach.
Auftakt in Bosnien-Herzegowina
Los ging das Abenteuer, von Deutschland über Kroatien kommend, im bosnischen Tuzla. Ungeachtet einiger Querelen mit umgeleiteten Zügen, einem verspäteten Flugzeug, Bussen auf Abwegen und schließlich dem mitunter widerspenstigen Mietwagen, war die Vorfreude groß, endlich in den ersten Workshop zu starten. Also ans Werk: Nach einem Kennenlernen sowie einer von Lana Mayer gestalteten Einführung in die praktische Wirkweise der Europäischen Union und ihrer Entscheidungen wurde der Fokus des Vormittags auf das Thema Geschlechtergerechtigkeit gelegt. Vlasta Markovic, Projektpartnerin und Leiterin des ortsansässigen Vereins Prijateljice, führte interaktiv durch den Vormittag und regte damit intensive Gespräche zu Ungleichbehandlungen zwischen den Geschlechtern an. Neben dem systemischen Hinterfragen wurden die Teilnehmenden auch dazu angeregt, Ansatzpunkte für ihr Alltagsleben zu identifizieren. Manche Diskussionen waren dabei so engagiert, dass man fast vergessen konnte, dass es sich um einen Workshop und nicht um eine abendfüllende Talkshow handelte. Ein erstes Ziel - echter Austausch und das Wecken der Überzeugung, selbst aktiv zu werden - war schon zur Halbzeit des ersten Tages erreicht.
Nach einem gemeinsamen Mittagessen mit den Teilnehmenden, darunter Professor:innen und Student:innen der Universität Tuzla, Schüler:innen, NGO-Repräsentant:innen und interessierte Bürger:innen, wurde am Nachmittag der EU-Beitrittsprozess beleuchtet. Axel Müller begann diesen Teil mit einer theoretischen Einführung und einem kurzen Blick auf die aktuelle Situation von Bosnien und Herzegowina. Herzstück dieses Blocks bildete jedoch ein Erfahrungsaustausch, angeleitet von Nikoleta Poljak (DKolektiv) und Mirta Bijukovic-Marsic (Universität Osijek), die aus beruflicher und persönlicher Perspektive beleuchteten, wie sie den Weg Kroatiens in die EU erlebt haben. Durch das große Interesse der Teilnehmenden setzte sich der Austausch noch weiter über das offizielle Ende der Veranstaltung hinaus fort. Ein deutliches Zeichen dafür, dass die spannendsten Gespräche oft genau dann beginnen, wenn der Zeitplan (sprich: die Koordinator:innen) eigentlich schon Feierabend machen wollte. Der Auftakt der "Rundreise" war somit gelungen.
Fokus auf Soziales in Novi Sad
Weiter ging es in Serbiens zweitgrößter Stadt Novi Sad. In den Räumlichkeiten der dortigen Partnerorganisation Novosadski Humanitarni Centar (NSHC) eröffnete Lana Mayer den Tag mit einer Fragerunde zur EU im Alltag. Diskutiert wurde über die Verpackungsverordnung ebenso wie das CE-Logo, den Euronotruf und das Datenroaming. Die Teilnehmenden waren nachhaltig überrascht, wie groß der Einfluss der EU ist, dass er tatsächlich tagtäglich (wenn auch selten explizit) zu spüren ist und v.a., wie weit er auch bereits in Kandidatenländer wie Serbien hineinreicht. Den Abschluss dieser Einheit bildete ein Blick hinter die Kulissen der EU, um u.a. die Institutionen und ihr Zusammenspiel verstehen zu können.
Darauf aufbauend legten Axel Müller, Nikoleta Poljak und Mirta Bijukovic-Marsic Theorie und Praxis des Beitrittsverfahrens dar, ehe Danijela Korac-Mandic, Leiterin des NSHC, unter dem Titel "Der lange Weg in die EU" bisherige Meilensteine und zukünftige Prioritäten Serbiens im laufenden Prozess beleuchtete. Die Teilnehmenden - darunter Vertreter der Stadt ebenso wie der Zivilgesellschaft, Senior:innen, Studierende und eine Repräsentantin des Europahauses Novi Sad - diskutierten eifrig und kontrovers, womit sie den Grundstein für die abschließende Einheit des Tages legten.
Denn in dieser von Jovana Skoric, Professorin für Soziale Arbeit und Sozialpolitik an der Universität Novi Sad, geleiteten Session wurde der Blick auf soziale Teilhabe und Inklusion gerichtet. Angeleitet von der Expertin brachten die Teilnehmenden in gemischten Gruppen ihre Ansätze zu Papier, was von Politik, Gesellschaft, aber auch jedem und jeder Einzelnen getan werden muss, um Novi Sad, Serbien und Europa lebens- und liebenswert(er) für alle zu gestalten. Ihren Abschluss fanden diese Gespräche bei landestypischen Spezialitäten im Restaurant Spajz.
Die Learnings des Aufenthalts in Novi Sad ließen sich wohl am besten so zusammenfassen: Alle profitieren davon, wenn verschiedene Generationen ihre Perspektiven in die politische Debatte einbringen; Europa lebt von seiner Vielfalt, insbesondere von seinen vielfältigen Meinungen und Erfahrungen; und (natürlich) die Grundregel jeden politischen Austauschs - Gute Ideen entstehen am Konferenztisch, sehr gute Ideen beim gemeinsamen Essen.
Zurück in die EU - und in die Medien
Für Lana Mayer und Axel Müller war dies gleichbedeutend mit dem Abschied aus der malerischen Stadt an der Donau. Der nächste Stopp im Projekt hieß nun Osijek. Auf dem Weg in die Hauptstadt Slawoniens ging es also zurück in die EU - wobei sich an langen Schlangen am Grenzübergang direkt die Auswirkungen der Mitgliedschaft im Bündnis bemerkbar machten. Man könnte auch ohne Übertreibung sagen: Wer Europa verstehen möchte, kann viel über Verträge lesen - oder einfach einmal an einer Außengrenze im Stau stehen.
Bereit für den letzten von drei Workshoptagen erwartete die EZBW-Kolleg:innen dann aber eine Überraschung: Mehrere kroatische Medien waren auf das transnationale Projekt aufmerksam geworden und baten Lana Mayer kurzerhand zum Interview (welches u.a. auf TV Slavonije i Baranje - ähnlich dem SWR - erschien). Nachdem alle Fragen der Fernseh- und Radiosender beantwortet waren, startete dann der Workshop mit 20 Teilnehmenden, die diverser kaum hätten sein können. Neben einer Schulleiterin fand sich ein Künstler, neben einer Unternehmerin eine Mitarbeiterin einer NGO, neben einem Stadtrat ein YouTube-Influencer.
Um allen Teilnehmenden gerecht werden zu können, war vorab geplant, die Inhalte bilingual kroatisch-englisch zu präsentieren und ggf. zu übersetzen. Bereits in Serbien war die Arbeitssprache der Aktivitäten Serbisch, je zu großen Teilen simultan von Lana Mayer gedolmetscht. In Osijek waren neben den kroatischen jedoch auch Teilnehmende aus Finnland, Bosnien-Herzegowina, Peru und Kolumbien vor Ort, sodass im besten europäischen Sinne der Tag spontan in einer Mischung aus Kroatisch, Englisch, Spanisch, Deutsch und Bosnisch gestaltet wurde (für das Finnische haben die Kenntnisse leider noch nicht ausgereicht - höchste Zeit, von unserem engen Draht zu den Volkshochschulen in Baden-Württemberg Gebrauch zu machen und einen Kurs zu besuchen!).
Nach einer von Axel Müller und Lana Mayer moderierten Gesprächsrunde zum Wirken der EU im Alltag und kurzen Einblicken in die Geschichte der europäischen Integration nahm die Vertiefung (passenderweise nach dem Tagesbeginn) die Rolle der Medien und ihr Beitrag zur öffentlichen Wahrnehmung der EU in Kroatien in den Blick. Mirta Bijukovic-Marsic und Gordana Lesinger, Professorinnen der Universität Osijek, hatten für diese Session eigens Interviews mit kroatischen Europaabgeordneten geführt, die sich per Videobotschaften nun direkt an die Projektteilnehmenden wandten - ein weiteres Highlight und eine große Wertschätzung für das Projekt.
Unter dem Eindruck dieser Perspektiven stellten sich die Teilnehmenden der letzten Herausforderung des Tages: Handlungsempfehlungen identifizieren für Kandidatenländer, die EU und - insbesondere - Bürger:innen selbst, um den EU-Beitrittsprozess im besten Sinne für alle Beteiligten voranzubringen. Beflügelt von den eigenen Ideen, die in der abschließenden Diskussion konstruktiv-kritisch hinterfragt wurden, ging auch der letzte Tag für die Teilnehmenden zu Ende - ebenso wie die Serie der Workshops auf dieser Reise.
Netzwerkveranstaltung als krönender Abschluss
Beendet war die Reise damit allerdings noch nicht. Am Abend trafen die Partner aus Tuzla und Novi Sad in Osijek ein. Das als informelles "Klassentreffen" und kleiner Dank an den unermüdlichen Einsatz der Kolleginnen vom NSHC, des DKolektiv und der Prijateljice ebenso wie der Universitäten Osijek, Novi Sad und Tuzla gedachte Abendessen mündete in stundenlangen Gesprächen weit über politische Belange der Region hinaus. Die Augenringe der EZBW-Kolleg:innen wurden also ebenso tiefer wie das Lächeln der Zufriedenheit, als sich die Eindrücke immer weiter auftürmten.
Schließlich, nach kurzer, einmal mehr vorbereitungsintensiver Nacht, folgte zum krönenden Abschluss das im Hotel Osijek angesetzte Netzwerkevent. 50 geladene Gäste, allesamt Multiplikator:innen in ihren Bereichen, kamen aus allen drei Städten zusammen, die während des Moduls bereist wurden. Auch in weiteren Städten der Region weckte die Veranstaltung Interesse, sodass sogar Teilnehmende aus Pécs (Ungarn), Sombor (Serbien), Sarajevo (Bosnien-Herzegowina), Slavonski Brod und Vukovar (je Kroatien) begrüßt werden konnten. An einem Tisch wurde gescherzt, das Teilnehmerfeld sei beinahe so international besetzt wie der Eurovision Song Contest.
Mit Programmbeginn konnten die Teilnehmenden zunächst dem Impuls von Lana Mayer lauschen, die eloquent und mit interaktiven Elementen die bisherigen Stationen, Diskussionspunkte und Erkenntnisse des Projektes zusammenfasste und dabei gleichzeitig ein Stimmungsbild der Anwesenden einholte (gewissermaßen die Frage "To EU or not to EU?"). Anschließend berichteten Vedrana Dakovic (Prijateljice), Danijela Korac-Mandic (NSHC), Jovana Skoric (Universität Novi Sad), Gordana Lesinger, Mirta Bijukovic-Marsic (je Universität Osijek) und Ivana Kovacevic (DKolektiv) aus den drei vorangegangenen Workshoptagen und gaben so zahlreiche Denkanstöße, die während der Pause in den Fluren rege diskutiert wurden.
Per überleitendem Flash Talk (Titel: To EU or not to EU - als wäre es geplant gewesen...) setzte Axel Müller den Ton zum Erreichen eines weiteren, zentralen Ziels der Reise: Emotionales Empowerment der anwesenden Multiplikator:innen. Im Kern der Rede stand die feste Überzeugung, dass Europa von Menschen geprägt wird und dies in vermeintlichen Machtzentren wie Brüssel und Straßburg genauso möglich ist wie in angeblich abgelegenen Orten wie Osijek und Tuzla.
Auf dieser Losung aufbauend hatten die Teilnehmenden schließlich die Chance, unter Beweis zu stellen, welch kraftvolle und innovative Ideen zur Kommunikation und Gestaltung der EU (ob von "innen" oder "außen") in ihnen schlummern: In fünf Gruppen mit wechselnden Moderatorinnen trugen sie zusammen, welche Zielgruppen mittels welcher Methoden, Themen und Orte sowie mithilfe welcher Partner angesprochen werden sollten, um die europäische Idee nachhaltig in lokalen Netzwerken verankern zu können.
Das Ergebnis war eindeutig: Die Ideen aus Osijek, Tuzla und Novi Sad sind extrem wertvoll und verdienen es, dass ihnen durch eine größere Plattform die angemessene Wirkmacht zukommt. Anders ausgedrückt könnte man auch sagen: Innovative Ideen kennen keine Landesgrenzen. Ebenso wenig Engagement und Überzeugung. Und nur mithilfe dieser Werte und Überzeugungen kann Europa weiter stetig wachsen - geographisch und ideell.
Ausblick auf Modul 3
Daran will das EZBW weiter arbeiten, weshalb es sich bereits auf den Gegenbesuch der Partner im September in Stuttgart freut. Die entwickelten Ideen werden dabei aufgegriffen, neu beleuchtet und vertieft. Und zwar so, wie bisher alles in diesem Projekt: Auf Augenhöhe und im Miteinander.
Bis dahin bleibt vor allem eines: Dankbarkeit für eine Reise voller Begegnungen, Perspektiven (inklusive Perspektivwechsel) und Gespräche, die gezeigt haben, wie viel Europa bereits heute verbindet - selbst dort, wo auf der Landkarte noch Grenzen verlaufen.
Erschöpft, aber beseelt vom Erlebten sagen Lana Mayer und Axel Müller: Hvala an alle Beteiligten und see you soon im Ländle.
Bilder: Europa Zentrum-Baden-Württemberg



